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Die Anti-Armee-Fraktion, Spiegel

 

In Russland studieren viele nur aus einem Grund: Das ist der beste Schutz vor dem Ruf in die verhasste Kaserne, vor Rekrutenqualerei und Tschetschenien-Krieg. Mit dem Diplom endet die Schonfrist - ein studentischer Rettungsdienst hilft Druckebergern.

Das Plakat im Flur verhei?t Erfolg: "Der Sieg liegt in deinen Handen!" Eine strahlende Blondinka lauft in die Zielgerade, die Arme in die Hohe gereckt. Niemand beachtet sie, nur Denis Sajzew schielt oft zu ihr hinuber. Denis ist Direktor von Antiprisyw.Ru. Seine Firma hilft Absolventen dabei, sich vom verhassten Militardienst zu befreien - und zwar nach eigenem Bekunden "schnell, gesetzma?ig und professionell".

Funf Jahre Studium, funf Jahre Sicherheit. Niemand wird vom Campus zum Appellplatz geschleift. Erst vor kurzem versprach Verteidigungsminister Iwanow: "Den Studenten wird nicht der Kopf rasiert." Worte wie diese beruhigen die einen - und bringen andere erst auf die Idee zu studieren: "Etwa ein Drittel der mannlichen Studenten", so schatzt Denis, "ist nur aus Angst vor der Armee an der Uni." Mit dem Diplom jedoch endet die Schonfrist. Wer junger ist als 27, muss die nachsten zwei Jahre stramm stehen. Das aber will niemand - und dann werden von Kaluga bis Kamtschatka verzweifelt Ersatzlosungen gesucht.

"Die russische Armee hat ein gro?es Prestigeproblem", sagt der Militarjournalist Wlad Schurygin. Wenig Gehalt, wenig Ansehen, das schreckt ab. Noch viel mehr graut es dem Nachwuchs aber vor der sogenannten "Dedowschtschina", der beruchtigten Rekrutenqualerei. Mehr als zwei Drittel der Russen sehen in ihr den Hauptgrund fur die Armee-Paranoia. Die Angst vor Tschetschenien rangiert mit 42 Prozent weit dahinter.

Jagd auf Druckeberger

Die Horrorgeschichten aus den Kasernen sind das Kapital von Denis. Zusammen mit drei Freunden hat der Jurist vor vier Jahren die Firma Antiprisyw.Ru gegrundet. Der studentische Rettungsdienst lohnt sich: Satte 900 Dollar kostet das Anti-Armee-Paket in Luxusausfuhrung. Besonders gut lauft das Geschaft im Fruhjahr und Herbst, wenn die Behorden wieder Jagd auf Druckeberger machen. Zurzeit stehen 140.000 Namen auf der Einzugsliste.

Ein Oktobermorgen, 11.30 Uhr. Hektik in der Moskauer Tatarenstrasse. In einem oden Buroblock hat Denis eine kleine Zelle gemietet. Im Halbstundentakt klopft es an der Tur, mehr als 30-mal am Tag schrillt das Telefon. Die Notrufe kommen aus allen Teilen des Landes. Helfen kann Denis aber nur denen, die bei ihm erscheinen - so wie Wolodja. Seit Juli hat der Kunde des Rettungsdienstes sein Diplom in der Tasche. Gestern flatterte der Einberufungsbescheid ins Haus.

Zusammen mit Denis walzt er nun den Katalog der "Otsrotschki", das sind die Zuruckstellungsmoglichkeiten vom Militardienst. Fachmann Denis rat: Doktorarbeit schreiben. Das garantiert drei weitere Jahre ruhiges Leben. Wolodja aber hat keine Lust mehr auf die Paukerei und auch kein Geld, sich den Titel zu kaufen. Also Variante Nummer zwei abwagen: Nachwuchs zeugen. Wer ein Kind hat oder besser noch zwei, der muss nicht zur Armee. Auch nicht derjenige, der seine eigenen Eltern pflegt. Doch Fehlanzeige: Wolodjas Eltern sind topfit, und zum trauten Familiengluck fehlt die Frau.

Locher im Armeenetz

Bleibt die "ungefahrlichste und effektivste" Variante: gesundheitliche Beschwerden. Rund 400 Krankheiten werden von den Behorden als Befreiungsgrund anerkannt. "Da ist fur jeden was dabei", schmunzelt Artem Mugunjanz, Freund und Kollege von Denis. Auch Wolodja wird fundig. Er hat Asthma - nicht doll, aber fur das Attest wird es wahrscheinlich reichen.

Wolodjas Fall war fur Denis ein Routineeingriff. Der nachste Kunde ist dagegen eine harte Nuss. Roman hat Anglistik studiert und war parallel dazu am Militarlehrstuhl der Uni eingeschrieben. Militarlehrstuhle sind eine sowjetische Erfindung aus dem Jahr 1926. Ihr Prinzip besteht darin, den Studenten an einem Tag in der Woche "militarische Zusatzfahigkeiten" zu vermitteln. Im Fall von Roman waren das "allerlei uberflussige Kriegsvokabeln", so der 23-Jahrige.

Die militarischen Uberstunden sitzen etwa 25 Prozent der Studenten ab - freiwillig wohlgemerkt. Viele hoffen, auf diese Weise vom Dienst an der Waffe verschont zu bleiben. So war es fruher, bei Opa, Papa und Cousin. Heute aber geht das Kalkul nicht mehr auf. Die Locher im Armeenetz werden immer gro?er. Immer ofter werden sie mit den Absolventen der Militarlehrstuhle gestopft.

Plan B: "Davonlaufen!"

Die Jungs von Antiprisyw.Ru konnen Roman nicht helfen. Als studentischer Militarlehrling hat er viel weniger "Otsrotschki" als gewohnliche Studenten. "Die Erfolgsquote ist zu niedrig", gibt Denis zu. Wer daher heute auf Nummer sicher gehen will, der macht einen gro?en Bogen um die Militarlehrstuhle.

Ob das langfristig der beste Fluchtweg bleibt - niemand wei? es. Putins Armeereform ist in vollem Gang. Vollig offen, was sie den Studenten am Ende bringen wird. Letztes Jahr sollte die Zahl der "Otsrotschki" gekurzt werden - ein Alptraum fur Nachwuchsakademiker. Doch es kam zu Protesten, und der Plan verschwand in der Schublade. Als Ersatz will das Verteidigungsministerium jetzt einen Gro?teil der Militarlehrstuhle schlie?en. Das wiederum erhoht die Armee-Gefahr fur die Absolventen der verbleibenden Lehrstuhle.

Die Folge ist vor allem gro?e Unsicherheit. Allein das Internetforum von Antiprisyw.Ru enthalt 6000 Fragen. Denis und Artem halten fur den Notfall Plan B parat: "Davonlaufen!" Das sei zwar nur was fur "Leute mit starken Nerven", aber immerhin umsonst. Und wer lang genug durchhalt, der erreicht auch das Ziel - "so strahlend wie die Blondinka auf dem Plakat", schmunzelt Denis.

Anika Zeller

Данная статья была переведена следующими русcкоязычными изданиями:

http://www.inopressa.ru/spiegel/2005/11/10/13:20:59/antipriziv
http://www.inosmi.ru/translation/223581.html

Журнал Spiegel, Германия, 10.11.05
оригинальный материал

 

 

 

 



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